Die Ringe der Sophie, Prinzessin von Preußen und Herzogin von Kurland

Betritt man den ersten Raum der dekorativen Kunstausstellung „Von der Gotik bis zum Jugendstil“, so sind in der Vitrine auf der rechten Seite mehrere einzigartige Gegenstände zu betrachten, die bei der Restaurierung der Gruft der Herzöge von Kurland in den Besitz des Schlossmuseums Rundāle kamen.

Textilrestauratorin, Altmeisterin Daira Līdaka am Sarg der Herzogin Sophie

Am 2. Juli 2015 wurde der restaurierte Sarkophag von Herzogin Sophie in der Gruft der Herzöge von Kurland im Schloss Jelgava (Mitau) geweiht, doch zuvor mussten die sterblichen Überreste geordnet werden. 1933/1934, als die Gruft renoviert und die Sarkophage restauriert wurden, befand sich der untere Teil des Sargs mit seinem gesamten Inhalt in einem Blechkasten, da die Sargbretter auseinanderfielen. Während der dramatischen geschichtlichen Ereignisse, seit sich die Gruft im für Herzog Ernst Johann von Biron erbauten Schloss Jelgava befand, war eine etwa 10 cm dicke Schicht Geröll (Sand und Steine vom Putz, Zinnspäne vom Sarkophag, Holzstückchen) in den Sarg gefallen. Im Halbdunkel der Gruft war es schwierig, dies alles zu erkennen und in Ordnung zu bringen, daher wurde beschlossen, die Arbeit in den Räumen des Schlossmuseums Rundāle fortzusetzen. Doch das zu der Zeit in der Gruft aufgenommene Foto ist ungewöhnlich – zwei Lichtkegel reichen darin wie Hände in die Mitte der Kiste hinein…
Bei der weiteren Untersuchung stellte sich leider heraus, dass Mäuse und Ratten die Bekleidung gänzlich zernagt hatten. Zwischen zwei verschiedenartigen hellen Atlasstückchen fand man bemalte Fetzen brauner Seide, die möglicherweise von einem über den Sarg gedeckten Wappen stammen. An gleicher Stelle fanden sich auch mehrere einmalige Netzspitzenstücke, die zu den ältesten Mustern auf lettischem Gebiet gefertigter Spitzen gehören, wie sie bislang kein zweites Mal gefunden wurden.

Spitzenfragment
Fragmente des auf Seite gemalten Wappens

 

 

 

 

 

 

Die Untersuchung wurde am Fußende begonnen, und im Mittelteil des Sargs blitzte plötzlich etwas im Geröll auf, wie auf dem Foto zu sehen. Es erwies sich als goldener Ring mit einem Diamanten.

Ring im Geröll des Blechkastens
Der gefundene Ring

 

 

 

 

 

Daneben wurde noch ein zweiter Goldring gefunden – mit geschliffenen Diamanten, wie sechs Strahlen um ein mittiges Auge angeordnet. Um den Ring selbst sind die Überreste schwarzer Emaille zu sehen.

Ring mit Diamantenauge und sechs Strahlen

Es folgte eine noch größere Überraschung: in einem Sumpfporst-Ästchen hatte sich ein kleiner, sehr fein gearbeiteter Verlobungsring verfangen. Er ist mit blauer Emaille verziert sowie mit vier vierblättrigen Blüten aus weißer Emaille mit einem blauen Emaille-Zentrum. In eine quadratische Erhöhung ist ein geschliffener Diamant eingearbeitet, an der Unterseite des Rings befindet sich ein Schild. Auf dessen Innenseite stehen die Buchstaben IHS (Abkürzung des lateinischen Iesus Hominum Salvator: Jesus, der Retter der Menschen), außen die Initialen der Verlobten – des Herzogs Wilhelm von Kurland und der Prinzessin Sophie von Preußen – WS. An der Seite des Rings sind einander haltende Hände zu sehen – das Verlobungssymbol.

Schild des Verlobungsrings mit dem Trigramm IHS
Schild des Verlobungsrings mit den Initialen WS
Emaille-Blüte des Verlobungsrings und Handsymbol

 

 

 

 

 

 

 

Interessant ist auch, dass Sophie die Briefe an ihren Mann, Herzog Wilhelm, gelegentlich mit diesen Initialen unterzeichnete.

Fragment eines Briefs der Herzogin Sophie

Die Ringe besitzen kein Meisterzeichen, das ihren Herstellungsort verraten würde, doch es ist anzunehmen, dass Herzog Wilhelm sie in Königsberg, der Hauptstadt des Herzogtums Preußen, herstellen ließ.

Die Ringe sind durch eine Form und Verarbeitung im Stil des Manierismus gekennzeichnet – schwarze Emaille akzentuiert die Verzierungen und in den goldenen Rahmen sind geschliffene Diamanten eingearbeitet. Zwei der Ringe waren von einem Seidenfaden eingefasst. Es scheint als seien die Ringe, die heutzutage höchstens einem fünfjährigen Kind passen würden, der zierlichen Herzogin Sophie zu groß gewesen, daher mussten sie mit einem Bändchen umwickelt werden.

Schwedische Marodeure, die im September 1705 noch in der Kirche des alten Schlosses Jelgava die herzogliche Gruft plünderten, hinterließen im Sarg einen Beweis ihres Vergehens – eine Ein-Öre-Münze aus der Regierungszeit des schwedischen Königs Karl XI., welche die Plünderer verloren, als sie die Ketten, Ohrringe oder anderen Schmuck losrissen.

Avers der Ein-Öre-Münze des schwedischen Königs Karl XI.
Revers der Ein-Öre-Münze des schwedischen Königs Karl XI.

 

 

 

 

 

 

 

Es war wirklich ein Wunder, dass keiner der Grabschänder und -räuber die schönen Ringe bemerkte. Sie nach mehr als 400 Jahre in den Händen zu halten – das war ein großartiges Erlebnis!

Daniel Roses Porträt der Prinzessin Sophie von Preußen, 1606

Herzogin Sophie von Preußen (1582–1610) war die Tochter von Herzog Albrecht Friedrich von Preußen (1553–1618) und Marie Eleonore von Jülich-Kleve-Berg (1550–1608). 1608 machte der Herzog Wilhelm Kettler von Kurland (1574–1640) Prinzessin Sophie einen Heiratsantrag, und 1609 feierten sie in Königsberg ihre Hochzeit.

Es ist nur ein Miniaturporträt von Sophie bekannt, dass sich einst in der Königlichen Kunstkammer Berlin befand und im Inventar von 1689 beschrieben ist. Darauf ist eine junge Frau mit einem prächtigen Diadem zu sehen, ihr Gewand ist mit Gold bestickt und mit dem für das 17. Jahrhundert charakteristischen runden Spitzenkragen sowie teuren Perlenketten verziert. Am Rand steht geschrieben “Sophia geborne Marggrefin zu Brandenburgk und Herzogin in Preussen Anno 1606”. Das Porträt wurde vom Hofmaler Brandenburgs, Daniel Rose (?–1639/40) gemalt. Es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Herzogin Sophie gebar am 28. Oktober 1610 ihren Sohn Jakob. Möglicherweise gab es bei der Geburt Komplikationen, denn danach erholte sich die Herzogin nicht mehr und starb einen knappen Monat später. Herzog Wilhelms Residenz befand sich in Kuldīga (Goldingen), und so wurde die verstorbene Herzogin in einem Zinnsarkophag in der dortigen Schlosskapelle beigesetzt. Als im August 1642 Herzog Friedrich (1569–1642), der ältere Bruder Herzog Wilhelms, starb, überführte der junge Herzog Jakob die sterblichen Überreste seiner Eltern (die seines Vaters aus der Abtei Kucklow (Kukułowo) und die seiner Mutter aus dem Schloss Kuldīga) in die Gruft der Herzöge von Kurland, um sie dort gebührend zu bestatten. Es ist anzunehmen, dass die Ringe der Herzogin Sophie beim Transport des Sargs über die löchrigen Wege von ihrer Hand rutschten und in die im Sarg befindlichen Pflanzen fielen (traditionell wurden sehr aromatische Gewächse wie Sumpfporst, Rosmarin oder Ysop verwendet), wo sie von den Schatzsuchern unentdeckt blieben.

 

Der erste Raum der Ausstellung „Von der Gotik bis zum Jugendstil“ mit dem Porträt Herzog Wilhelms

In der dekorativen Kunstausstellung an der gegenüberliegenden Wand ist das 1615 von einem unbekannten Künstler gemalte Ganzkörperporträt Herzog Wilhelms zu sehen – das einzige originale Porträt eines Herzogs aus dem Hause Kettler, das in Lettland erhalten geblieben ist. Darauf scheint der Herzog auf die Ringe seiner Frau zu schauen…

Bis 1895 befand sich das Gemälde in der Kirche der Heiligen Magdalena auf der Insel Ruhnu (Runö), dann erwarb es die Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde zu Riga in sehr schlechtem Zustand und danach das Museum des Doms zu Riga. Der deutschbaltische Maler Julius Siegmund (1828–1919) restaurierte es und erstellte eine Kopie des Gemäldes, die wieder an die Kirche auf Ruhnu gegeben wurde. Das Original wurde in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in den Präsentationssälen des Schlosses Riga genutzt; seit 1965 ist es im Besitz des Schlossmuseums Rundāle.

Wann und wie das Porträt Herzog Wilhelms auf die Insel Ruhnu gelangte, ist noch immer ein Rätsel. Nach Sophies frühzeitigem Tod suchte Herzog Wilhelm keine andere Frau, sondern widmete sich der Stärkung seiner Macht und der Wirtschaft des Herzogtums: er gründete Fabriken und begann den Schiffsbau, geriet jedoch in Konflikt mit den Gutsherren Kurlands, denen ein mächtiger Herzog nicht gelegen kam. Nach dem Mord an den Oppositionsführern, den Brüdern von Nolde, erreichte der Landadel im polnischen Landtag die Amtsenthebung Herzog Wilhelms und seine Verbannung aus Kurland auf Lebenszeit. Dokumente aus dem Archiv belegen, dass der Herzog in der Donnerstagnacht nach dem Palmsonntag 1617 Kuldīga verließ und Truhen mit Kleidung, Silbergeschirr und anderen Gebrauchsgegenständen mitführte. Nahm er auch die Gemälde mit? Und wohin begab er sich? Laut einiger Nachrichten war er eine Zeit lang in Stockholm, Preußen und Saaremaa (Ösel), wo seine Besitztümer noch zu Zeiten Herzog Jakobs gesucht wurden. Erst 1628 ließ Herzog Wilhelm sich in Pommern nieder, wurde zum Dekan der Abtei Kucklow und blieb dort bis zu seinem Tod im Jahre 1640.

Offenbar hielt sich der Herzog auch eine Weile auf der Insel Ruhnu auf, die bis 1621 zum Herzogtum Kurland gehörte. Bereits seit dem 14. Jahrhundert war diese hauptsächlich von einer schwedischen Gemeinschaft bewohnt. Es ist nicht bekannt, wo genau der Herzog wohnte, doch die Legende besagt, er sei ein gutherziger Mensch gewesen und die Inselbewohner hätten ihn wohlwollend aufgenommen. Als Dank dafür soll er ihnen sein Porträt sowie Gemälde seines Wappens und des Wappens seiner Frau geschenkt haben.

Wappen des Herzogs Wilhelm von Kurland, das in der Kirche der Heiligen Magdalena auf Ruhnu aufbewahrt wurde
Wappen der Herzogin Sophie von Kurland, das in der Kirche der Heiligen Magdalena auf Ruhnu aufbewahrt wurde

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als 1644 die Kirche der Heiligen Magdalena errichtet wurde, bewahrten die Inselbewohner die Gemälde dort auf. Das Porträt des farbenfroh gekleideten Herzogs stach auf dem Hintergrund der bescheidenen Kircheneinrichtung hervor.

Heutiger Innenanblick der Kirche der Heiligen Magdalena auf der Insel Ruhnu

Der Arzt und Geschichtsnovize Johann Georg Weygand aus Kuldīga schreibt in seinem Manuskript „Genealogische Geschichte der Herzöge und Herzoginnen von Kurland und Semgallen…“ über die Familie Kettler, dass Herzog Wilhelm am 20. April 1617 von Ventspils (Windau) auf die Insel Ruhnu gefahren sei. Dem Autor war nicht bekannt, wie lange der Herzog sich dort aufhielt, doch er merkte an, dass sich am Altar der Inselkirche die Porträts des Herzogs und der Herzogin sowie die Wappen von Kurland und Brandenburg befanden. Mit Bezug auf diesen einen Satz in der Arbeit Johann Georg Weygands behaupten Historiker und Kunsthistoriker des 19. und 20. Jahrhunderts, dass sich auch das Porträt der Herzogin Sophie in der alten Holzkirche befunden habe, das aber spurlos verschwunden sei. Doch der deutsche Ethnologe und Historiker im Estland des 19. Jahrhunderts, Carl Friedrich Wilhelm Russwurm, erwähnte in seinen Werken „Eibofolke oder die Schweden an der Küste Esthlands und auf Runö“ (1855) und „Sagen aus Hapsal, der Wiek, Oesel und Runö“ (1861) ebensowenig, dass sich auch ein Porträt der Herzogin in der Kirche befunden habe, wie der Pfarrer Arwed von Schmidt, der auf mehreren Inselkirchen Estlands diente, in seiner 1864 herausgegebenen Broschüre „Einige Notizen über die Insel Runo“. Wilhelms Porträt wurde 1615 gemalt, als Sophie bereits gestorben war. Hätte ein Künstler eine Kopie eines anderen Porträts von Sophie erstellt, und hätte er dieses so groß gemalt? Hoffentlich klären zukünftige Forschungen zur Geschichte des Herzogtums Kurland dieses Kapitel im Leben Herzog Wilhelms.

Der erste Raum der Ausstellung „Von der Gotik bis zum Jugendstil“ mit der Vitrine, in der die Ringe der Herzogin Sophie zu sehen sind

Verfasserin: Daira Līdaka,
Altmeisterin und Textilrestauratorin der wissenschaftlichen Restaurationsabteilung des Schlussmuseums Rundāle

05.12.2019