Porträt des Herzogs Wilhelm von Kurland

Im ersten Raum der dekorativen Kunstausstellung „Von der Gotik bis zum Jugendstil“ im Schlossmuseum Rundāle sticht das Porträt des Herzogs Wilhelm von Kurland (1574–1640) aufgrund seiner Größe und der opulenten Kleidung des Modells besonders hervor. Dieses prunkvolle Paradeporträt vom Anfang des 17. Jahrhunderts, das in der Literatur oft als das einzige in Lettland erhaltene Originalporträt eines Herzogs der Familie Kettler bezeichnet wird, wurde im Laufe der Zeit häufig reproduziert und in verschiedenen Quellen erwähnt, doch ist darüber nur sehr wenig bekannt – sowohl seine Urheberschaft als auch seine Geschichte werfen viele Fragen auf.

Unbekannter Künstler. Porträt des Herzogs Wilhelm von Kurland. 1615. Leinwand, Öl. 218,5 x 122 cm. Sammlung des Schlossmuseums Rundāle

Wie kam das Porträt ins Museum?

Ein besonderes Interesse der auf lettischem Gebiet veröffentlichten Quellen an dem Porträt entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als dieses noch in der Kirche zur Heiligen Magdalena auf der Insel Ruhnu im heutigen Estland aufbewahrt wurde. Wie das Porträt des Herzogs Wilhelm von Kurland in die kleine, etwa 30 Jahre nach dem Entstehen des Gemäldes gebaute Holzkirche kam, ist nicht bekannt. Die von ethnischen Schweden bewohnte Insel Ruhnu (schwedisch: Runö; lettisch: Roņu) gehörte zunächst zum Bistum Kurland, danach war sie bis 1621 Teil des zu Polen-Litauen gehörenden autonomen Kreises Pilten (Piltene). Später wurde sie in Schwedisch-Livland und dann in das Gouvernement Livland des Russischen Reiches eingegliedert, bevor die Inselbewohner 1919 entschieden, sich dem neu gegründeten Staat Estland anzuschließen.

In der Biografie Herzog Wilhelms ist die Insel Ruhnu von Bedeutung. 1609 heiratete er die Tochter Albrecht Friedrichs von Preußen (1553–1618), Sophie von Preußen (1582–1610), und erhielt als Mitgift den an Preußen verpfändeten Bezirk Grobin (Grobiņa) und den Kreis Pilten. 1615 verhärtete sich sein Verhältnis zu den örtlichen Gutsherren, und zwei Jahre später entzog der kurländische Landtag ihm den Herzogtitel und verbannte ihn aus dem Herzogtum. Wilhelm begab sich ins Exil, wobei er zunächst auf der Insel Ruhnu Unterschlupf fand und später in der Abtei Kucklow (Kukułowo) in Pommern, im heutigen Polen, lebte.

Nachforschungen über den Weg des Gemäldes von der Inselkirche bis zum Museum im Schloss Rundāle ergaben, dass es zunächst das Interesse der beiden wichtigsten wissenschaftlichen Gesellschaften für Geschichtsforschung im Lettland des 19. Jahrhunderts erweckte – der Kurländischen Gesellschaft für Literatur und Kunst (1817–1939), unter dessen Schirmherrschaft das Kurländische Provinzialmuseum in Jelgava (Mitau) stand, sowie der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde zu Riga (1834–1939), einer Trägerin des Dom-Museums. Die Chronologie der Ereignisse liest sich wie folgt.

Am 25. Oktober 1890 schrieb der Pastor der Insel Ruhnu, F. F. Dreyer, einen Brief an den Historiker und Oberlehrer August Seraphim, in dem er das Porträt von Herzog Wilhelm in der Kirche der Insel beschrieb. Drei Jahre später schenkte der Briefempfänger diesen der Kurländischen Gesellschaft für Literatur und Kunst. In der Sitzung vom 6. Oktober 1893 berichtete Oberlehrer Heinrich Diederich, Sekretär der Gesellschaft und Leiter der Abteilung für lokale Antiquitäten im Kurländischen Provinzialmuseum, über „das merkwürdige Bild des Herzogs Wilhelm von 1615 in die Kirche zu Runoe“ – er verglich die Porträtbeschreibung aus dem Brief des Pastors mit mehreren anderen Beschreibungen aus dem 19. Jahrhundert und kam zu dem Schluss, dass in allen Fällen ein und dasselbe Porträt gemeint war. Es wurde entschieden, dass es „sehr wünschenswert [wäre,] eine Nachbildung des Gemäldes oder wenigstens eine größere Photographie für das kurländische Provinzialmuseum zu erlangen, da über die Gleichzeitigkeit des Bildes kein Zweifel bestehen kann.“

Im Anfang 1895 von der Kurländischen Gesellschaft für Literatur und Kunst herausgegebenen „Jahrbuch für Genealogie, Heraldik und Sphragistik“ veröffentlichte der Historiker Leonid Arbusow einen ausführlichen Artikel über die Porträts der Herzöge und Herzoginnen der Familie Kettler und erwähnte dabei das Porträt Wilhelms als das einzige bekannte Bildnis eines älteren Kettlers, das während der Amtszeit der dargestellten Person entstand und noch erhalten ist. In Sorge über den schlechten technischen Zustand des Gemäldes betonte er, es sei „dringend geboten, dass endlich, ehe das Bild selbst allmählich verfällt, eine authentische und würdige Kopie beschafft werde.“ Ob Leonid Arbusow, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels seit mehreren Jahren im Auftrag der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde zu Riga alte Dokumente von Livland und Kurland erforschte, wirklich das Interesse an der Erhaltung des Porträts förderte, ist nicht bekannt. Doch schon im Dezember desselben Jahres erhielt das von der Gesellschaft finanzierte Dom-Museum eine besondere Schenkung von seinem Ratsmitglied, dem Sammler Carl Gustav von Sengbusch: das Original des Porträts von Herzog Wilhelm. Es war vom Maler Julius Siegmund restauriert worden, der auch eine Kopie angefertigt hatte, die der Kirchengemeinde der Insel Ruhnu überreicht wurde.

Wie die Beschreibung des Gemäldes in der Rigaer „Düna Zeitung“ vom 15. Januar 1896 zeigt, die auch zur Besichtigung des neu erworbenen Museumsobjekts einlud, wurde das Porträt Herzog Wilhelms unmittelbar nach seiner Schenkung in die Ausstellung des Dom-Museums aufgenommen und einige Jahre später erstmals im Museumsführer abgebildet. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre schmückte dieses prächtige Paradeporträt die Repräsentationsräume des Rigaer Schlosses, wo es vom Künstler Paul Sprenk kopiert wurde. Das neu geschaffene Gemälde schenkte der autoritäre Staatschef Kārlis Ulmanis 1939 der Stadt Grobiņa. Die Vermerke und Aufkleber auf der Rückseite des Originalporträts weisen darauf hin, dass das Gemälde – möglicherweise in den 1940er Jahren – in das Rigasche Städtische Kunstmuseum (jetzt das Hauptgebäude des Lettischen Nationalen Kunstmuseums) aufgenommen wurde und sich eine Zeit lang auch im Museum für abendeuropäische Kunst (jetzt das Kunstmuseum Rigaer Börse, das zum Lettischen Nationalen Kunstmuseum gehört) befand, bevor es zum Nachfolger des Dom-Museums, dem Rigaer Museum für Stadtgeschichte und Schifffahrt, zurückkehrte. Dieses gab das Porträt Herzog Wilhelms 1965 an das Heimatkunde- und Kunstmuseum Bauska zur Ausstellung im Schloss Rundāle.

Was ist aus dem Porträt der Herzogin Sophie geworden?

In der Literatur finden sich wiederholt Informationen, dass sich nicht nur das Großporträt des Herzogs Wilhelm, sondern als Gegenstück auch das seiner Frau, der Herzogin Sophie, sowie die Wappen der Eheleute in der Kirche auf der Insel Ruhnu befunden hätten. Heute beherbergt die kleine Holzkirche noch immer Gemälde der beiden Wappen und die von Julius Siegmund angefertigte Kopie des Porträts von Herzog Wilhelm in Originalgröße, doch vom Porträt der Herzogin Sophie fehlt jede Spur. In manchen Publikationen heißt es, dieses sei im 19. Jahrhundert zerstört worden.

Gemälde des Wappens von Herzog Wilhelm von Kurland. 1615. Eigentum der Gemeinde der Heiligen Magdalena auf der Insel Ruhnu (Estland)

Als Daira Līdaka, langjährige Textilrestauratorin am Schlossmuseum Rundāle, vor zwei Jahren für die Serie „Geschichten der Dinge“ über die im Sarkophag der Sophie, Prinzessin von Preußen und Herzogin von Kurland, gefundenen Ringe schrieb, befasste sie sich auch mit der Frage nach ihrem Porträt. In dem Text äußerte sie Zweifel, ob sich ein solches Porträt jemals in der Kirche auf der Insel befunden habe – die Autorin wies darauf hin, dass das Porträt Herzog Wilhelms nach dem Tod seiner Frau entstanden war, und fragte: „Hätte ein Künstler eine Kopie eines anderen Porträts von Sophie angefertigt, und hätte er diese so groß gemalt?”

Die älteste bekannte Quelle, die erwähnt, dass sich das Porträt der Herzogin Sophie in der Kirche auf der Insel Ruhnu befand, ist das vom Arzt und Sammler kulturgeschichtlicher Gegenstände Johann Georg Weygand aus Kuldīga (Goldingen) angefertigte Manuskript „Genealogische Tabellen derer sämtlichen Durchlauchtigsten Herzöge und Herzoginnen in Liefland zu Curland und Semgallen…“, das spätestens 1731 abgeschlossen wurde und sich seinerzeit im Kurländischen Provinzialmuseum befand. Der Autor schrieb, Herzog Wilhelm sei aufgrund der Verschärfung der Konflikte mit den kurländischen Gutsherren am 20. April 1617 vom Hafen Ventspils (Windau) auf die Insel Ruhnu gefahren, wo er sich mehrere Jahre aufhielt; die Inselbewohner aber hätten ihm zu Ehren in ihrer Kirche neben dem Altar die Porträts vom Herzog und seiner Frau sowie beide Wappen aufgehängt.

Doch in verschiedenen, Mitte des 19. Jahrhunderts veröffentlichten Schriften über die Insel Ruhnu und die dortigen kulturgeschichtlichen Werte (z. B. Carl Rußwurm „Eibofolke oder die Schweden an der Küste Esthlands und auf Runö“, 1855; Arwed von Schmidt „Einige Notizen über die Insel Runo“, 1864) finden sich gar keine Berichte über ein Porträt der Herzogin Sophie, obwohl das Porträt Herzog Wilhelms ziemlich detailliert beschrieben wird.

Eine mögliche Antwort auf die Frage, ob sich im 19. Jahrhundert überhaupt ein Porträt der Herzogin Sophie in der Kirche zur Heiligen Magdalena befunden hat, bietet die 1847 auf Schwedisch erschienene Beschreibung der Insel Ruhnu „Beskrifning om Runö i Liffland“ (Tavastehus, 1847) des finnischen Pastors Frederic Joachim Ekman, der in dieser Kirche diente. Ekman stellte den Lesern dieser Ausgabe sehr detailliert die Architektur und Inneneinrichtung der Kirche vor, ihre Ornamente und dort aufbewahrte Kunstdenkmäler (Gemälde und Glasmalerei) sowie schriftliche Erinnerungsstücke. Er beschrieb das Bildnis Herzog Wilhelms sehr genau und machte darauf aufmerksam, dass es in sehr schlechtem Zustand sei und nachlässig am Chorgeländer auf der Männerseite der Kirche befestigt. Auf der Frauenseite an der Nordwand zwischen den Fenstern hingegen sei „ein ziemlich wiedererkennbares Porträt der Königin Christina“ aufgehängt, mit Ölfarben gemalt und etwa einen „Aln“ hoch – diese alte Maßeinheit entspricht etwa 62 cm. Ekmans Darstellung bezeugt, dass sich in der Kirche der Insel tatsächlich das Porträt einer Frau befunden hatte, das in späteren Beschreibungen nicht mehr erwähnt wird. Doch die Maße machen deutlich, dass es kein Gegenstück zum Porträt Herzog Wilhelms war, denn dieses ist 218 cm hoch. Zudem erkannte der Autor der Ausgabe darauf eine bestimmte Person: die schwedische Königin Christina, die von 1632 bis 1654 regierte, als die Insel Ruhnu zu Schwedisch-Livland gehörte. Die Kirche zur Heiligen Magdalena wurde 1644 – während der Regentschaft von Königin Christina – erbaut, und es erscheint logisch, dass die auf der Insel wohnenden Schweden ihre neue Kirche mit einem Bildnis der aktuellen schwedischen Monarchin schmückten.

Daher ist zu vermuten, dass der Arzt Johann Georg Weygand aus Kuldīga, als er die Genealogie der Herzöge und Herzoginnen der Familie Kettler Anfang des 18. Jahrhunderts verfasste, das Porträt entweder nicht vor Ort begutachtete oder die dargestellte Person nicht erkannte und annahm, dass es sich um die Frau Herzog Wilhelms, Herzogin Sophie, handeln müsse, da die anderen Gemälde in der Kirche – das Porträt Wilhelms und die beiden Wappen – eine Verbindung aufwiesen. Der in der schwedischen Gemeinde der Insel Ruhnu dienende Pastor Frederic Joachim Ekman hingegen erkannte ungefähr 120 Jahre später die schwedische Königin Christina – oder glaubte sie aufgrund der Geschichte der Insel zu erkennen. Welche der beiden Persönlichkeiten auf dem Gemälde auch abgebildet war – die Frage nach dem Verbleiben dieses Porträts einer Frau, das sich noch 1847 in der Kirche der Insel Ruhnu befunden hatte, bleibt offen.

Wie viel von dem Porträt mussten die Restauratoren rekonstruieren?

Bereits die frühesten bekannten Beschreibungen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts weisen auf den sehr schlechten Zustand des Gemäldes hin und äußern sogar die Befürchtung, dass dem Kunstwerk in naher Zukunft der vollständige Verfall drohe. Aus historischen Beschreibungen geht hervor, dass das Gemälde keinen Unterrahmen hatte und ein sehr breiter Teil des rechten Randes fehlte. So schrieb der Historiker August Seraphim in seinem Aufsatz „Aus Kurlands herzoglicher Zeit“ (Mitau, 1892) auf Grundlage des Briefs von Pastor Dreyer: „Im Laufe der Zeit ist von dem allmählich verfallenden Bilde ein Theil abgeschnitten worden, so daß auf demselben Herzog Wilhelm nur einen Arm zu haben scheint. Obwohl nun der Herzog mit seinem Bruder, dem Herzog Friedrich im besten Einvernehmen gelebt hat, so haben sich die Insulaner auf Runö ersonnen, daß ihm von seinem Bruder der Arm abgeschlagen worden sei.“ Doch drei Jahre später meldete die bereits erwähnte „Düna Zeitung“, dass die Seiten des Porträts von Herzog Wilhelm teilweise beschädigt, teilweise abgeschnitten und somit auch die Aufschrift beschädigt worden sei.

Das Porträt wurde erstmals vom Maler Julius Siegmund restauriert, wahrscheinlich im Jahr 1895. Er duplizierte das Gemälde, indem er an beiden Seiten und in der linken oberen Ecke Leinwandränder hinzufügte und die fehlenden Teile der Porträtkomposition rekonstruierte. Wie viel der Künstler an den Rändern neu hinzugefügt hat, lässt sich mit bloßem Auge erkennen, wenn man das Gemälde bei schrägem Licht betrachtet: Dann sind die Verbindungslinien der neuen und alten Leinwand auf beiden Seiten der herzoglichen Figur sehr gut zu erkennen. Ganz genau zeigt es eine Röntgenuntersuchung vom November 2020. Die Röntgenbilder zeigen sowohl die Stelle, bis zu der der „abgetrennte“ linke Arm des Herzogs zu sehen war, als auch wie weit die Aufschrift verloren gegangen war. Insgesamt ist zu sehen, dass Julius Siegmund am linken Rand ein Tischbein hinzugemalt hat, einen Teil der Tischplatte, die mit einem roten Samttischtuch bedeckt ist, oben an beiden Seiten die dunkelgrünen Vorhänge, dass er am rechten Rand den Schuh und andere Kleidungselemente des Herzogs vervollständigt und die Hand mit dem Degengriff sowie die fehlenden Teile der Aufschrift erneuert hat.

Röntgenaufnahme vom Porträt Herzog Wilhelms – Fragment mit der linken Hand des Herzogs
Fragment vom Porträt Herzog Wilhelms mit der linken Hand des Herzogs

 

Bei der Rekonstruktion der Antiqua-Aufschrift des Porträts half Julius Sigmund das in der Kirche auf Ruhnu aufbewahrte Gemälde des Wappens von Herzog Wilhelm, das die gleiche Aufschrift in deutscher Sprache aufweist: VON GOTTES / GNADEN WIL / HELM IN LIEFF / LAND ZV CHVR / LAND VND SEM / GALLEN HERZOG. Die Aufschrift war auch aus dem teilweise erhaltenen Text leicht zu entziffern und rekonstruieren, während die Jahreszahl, von der nur die ersten beiden Ziffern „16–“ erhalten waren, vom Künstler nicht ergänzt wurde. Doch schon in Publikationen des 19. Jahrhunderts wird das Porträt auf 1615 datiert, da dies auch die Jahreszahl im Wappen Herzog Wilhelms ist und das Bild stilistisch der Zeit entspricht.

Röntgenaufnahme vom Porträt Herzog Wilhelms – Fragment mit der Gemäldeaufschrift
Fragment vom Porträt Herzog Wilhelms mit der Gemäldeaufschrift

Die nächste Restaurierung des Gemäldes wurde 1983 und 1984 von Ieva Lancmane, der Leiterin der Abteilung für wissenschaftliche Restaurierung des Schlossmuseums Rundāle, durchgeführt. Dabei wurde festgestellt, dass Julius Siegmund eine Reihe kleinerer Übermalungen und Abtönungen an den Stellen vorgenommen hatte, wo die Farbschicht abgeblättert war, ohne sie vorher mit Restaurierungsgrundierung auszufüllen, und so die ursprüngliche Bemalung beeinträchtigt hatte. Bei dieser Restaurierung wurden die Verformung der Leinwand ausgeglichen, ein Riss repariert und künstlerische Abtönungen vorgenommen.

Wie bereits erwähnt, wurde 2020 eine Röntgenuntersuchung des Porträts durchgeführt, deren überraschendste Entdeckung es war, dass sich neben seinen Füßen ein Gesicht Herzog Wilhelms befand. Dieses ist auf der Rückseite der originalen Leinwand gemalt, die hinter der Duplikation nicht zu sehen ist. Anscheinend hatte der Künstler begonnen, das Modell zu malen, doch dann gefiel ihm etwas im bereits ziemlich detailliert ausgearbeiteten Gesicht nicht, daher drehte er die Leinwand um und begann von Neuem.

Röntgenaufnahme vom Porträt Herzog Wilhelms – Fragment mit dem Kopf des Modells auf der Rückseite der Leinwand
Fragment vom Porträt Herzog Wilhelms

 

Wie ist die Kleidung des Herzogs zu bewerten?

Der Kunsthistoriker Boriss Vipers bezeichnet das Porträt des Herzogs Wilhelm in seinem Buch über die lettische Kunst der Barockzeit, „Baroque Art in Latvia“ (Riga, 1939) als eines der eindrucksvollsten Beispiele der Spätrenaissance bzw. des Manierismus in der lettischen Malerei. Er weist darauf hin, in diesem Porträt spiele „die Kleidung eine sehr aktive Rolle sowohl in der Komposition des Bildes als auch in der Vorstellung von dem Mann. Weite, bauschige Cordhosen, deren Dimensionen noch durch die Bänder und die Silhouette des Umhangs hervorgehoben werden; die eng an die dünnen Beine anliegenden hellen Strümpfe und schwarzen Schuhe; das kurze, harte, hoch taillierte Wams; der fächerförmige aufgestellte Kragen – das alles scheint einen Zweck zu verfolgen: die natürlichen Proportionen des menschlichen Körpers zu verzerren, ihn seiner statischen, organischen Struktur zu berauben und in eine Art willkürliches, abstrakt ornamentales Muster zu verwandeln. Diese abstrakte Körperlosigkeit des Modells versucht der Maler durch sehr kleine Kopfproportionen, einen eingefrorenen, glasigen Blick, ein fast völliges Fehlen von Schatten in der Modellierung der Figur, einen außergewöhnlich hohen Horizont und einen hellen, in einem luftleeren Raum schwebenden Titel noch stärker zu betonen. Letztendlich nimmt das Bildnis einen völlig irrationalen, magischen Charakter an“ (S. 104–105).

Das Porträt zeigt in der Darstellung der Figur und der Komposition der Tracht deutlich die manieristische Übertreibung der Proportionen, doch die Kleidung Herzog Wilhelms entspricht weitgehend der Männermode des zweiten Jahrzehnts des 17. Jahrhunderts. Das Gemälde entstand zu einer Zeit, als sich die westeuropäische Mode allmählich von der spanischen Hofmode der Spätrenaissance und dem Einfluss des Hofstils von Königin Elisabeth I. von England entfernte.

Um seinen Hals trägt der Herzog eine durchbrochene Wappenkette aus Gold, Emaille und Perlen. Sie ist das Ehrenzeichen der Gesellschaft des Kurfürsten Christian II. von Sachsen, das der junge Kurfürst 1601 einführte, und diente als repräsentatives Geschenk an seine Verbündeten und an die Herrscher, mit denen er ein freundschaftliches Verhältnis pflegte. Obwohl solche Ketten zu ihrem Eigentümer mit ins Grab gelegt wurden, sind einige Exemplare in Museen zu sehen, etwa im Metropolitan Museum of Art in New York und im Grünen Gewölbe in Dresden. Es ist auch ein Porträt von Christian II. bekannt, das nach seinem Tod gemalt wurde und den Kurfürsten mit dieser Wappenkette um den Hals zeigt.

Ist dies das einzige Porträt von Herzog Wilhelm?

Bei der Beschreibung des Paradeporträts Herzog Wilhelms im Katalog der Porträtausstellung des 17. Jahrhunderts „Портрет XVII века в Латвии“ (Riga, 1986) betonte Ieva Lancmane, dass es unbestreitbar nach der Natur gemalt wurde. Davon zeugten „die individualisierten Gesichtszüge, der konzentrierte Ausdruck und die ungekünstelte Darstellung des Gesehenen“. Aus diesem Grund wird das Porträt Herzog Wilhelms in der Literatur häufig als „das einzige erhaltene Originalporträt der Herzöge aus dem Hause Kettler“ bezeichnet, womit die zu Lebzeiten der Familienmitglieder entstandenen Porträts gemeint sind. Es sind jedoch auch mehrere andere Darstellungen von Herzog Wilhelm bekannt.

Das Profil des Herzogs erscheint zum Beispiel auf den zu seinen Lebzeiten ausgegebenen silbernen Dreigroschenmünzen des Herzogtums Kurland. Wie die erhaltenen Exemplare zeigen, unterscheiden sich zudem die Darstellungen Herzog Wilhelms auf den Münzen verschiedener Prägejahre: Auf dem Avers der 1598 in Mitau geprägten Münze, die auf Wikipedia zu sehen ist, und der 1606 geprägten Münze, die im Schlossmuseum Rundāle aufbewahrt wird, unterscheiden sich der Kragen und die Frisur des Modells.

Silberne Dreigroschenmünze mit Herzog Wilhelm von Kurland. Urheber: Hans Stypla. Kurland, 1606. Sammlung des Schlossmuseums Rundāle

Des Weiteren sind mindestens zwei Porträts von Herzog Wilhelm bekannt, die nach seinem Tod entstanden sind. Im „Nordischen Almanach für das Jahr 1809“ (Riga, 1809) wurde eine Gravur publiziert, die der deutsche Meister Johann Adolph Rossmaesler nach einer Zeichnung des Mitauer Hobbykünstlers K. Klemm fertigte. Im Kurländischen Provinzialmuseum wiederum befand sich früher ein vom Mitauer Künstler Joseph Dominik Oechs gemaltes Porträt Herzog Wilhelms. Dieses Bildnis wurde 1836 für eine Serie von Porträts der Herzöge von Kurland in Auftrag gegeben, für die die Porträts in den Stammtafeln und andere Quellen als Vorlage dienten. Der Historiker Verners Tepfers bemerkte jedoch in einem Artikel über die Porträts der Herzöge der Familie Kettler, der in der Zeitschrift „Senatne un Māksla“ (1936, Nr. 1) veröffentlicht wurde, dass der Künstler beim Malen der Porträts „sehr frei mit der Vorlage umgegangen ist und seiner Phantasie freien Lauf gelassen hat, worunter die Ähnlichkeit der Porträts sehr gelitten hat“. In der Literatur finden sich Hinweise auf einige weitere Aquarellporträts, deren Reproduktionen und Standorte heute jedoch unbekannt sind.

Herzog Wilhelm von Kurland. Lithografie von J. A. Rossmaesler nach Zeichnung von K. Klemm. Publiziert in: Nordischer Almanach für das Jahr 1809. Hrsg. von F. G. Albers. Riga: Wilh. Chr. Andr. Müller, [1809]

Wer ist der Urheber des Porträts?

Der Urheber des Porträts von Herzog Wilhelm ist nicht bekannt. Möglicherweise war das Gemälde signiert und die Unterschrift ging mit den Beschädigungen der Ränder verloren, daher können wir heute nur Vermutungen über den Künstler anstellen. In den Quellen aus dem 19. Jahrhundert wird diese Frage nicht erörtert, doch in der Literatur des 20. Jahrhunderts wurden sogar Namen möglicher Urheber und/oder vertretene Schulen genannt. So hat etwa Boriss Vipers über die Urheberschaft des Porträts geschrieben: „Die stilistischen Parallelen deuten entweder auf Danzig (A. Möller, G. Jantzen) als Ursprungsort unseres Bildnisses hin oder auf die bedeutende Schule von Porträtmalern, die in Königsberg am Hof von Herzog Albrecht tätig waren.“ (S. 106) Auf die mögliche Verbindung mit dem Hof des preußischen Herzogs hat auch Ieva Lancmane mit der Bemerkung hingewiesen, dass niemand im Herzogtum Kurland damals ein solch hochwertiges Porträt nach der Natur hätte malen können, darum „müsste man den Urheber außerhalb des Herzogtums unter den Malern der mit Kurland verwandten Höfe suchen, zunächst in Brandenburg-Preußen, da Herzog Wilhelms Frau geborene Prinzessin von Brandenburg war. Eine gewisse Ähnlichkeit des Porträts mit den Werken von Martin Schulz, Joachim Siwert und Daniel Rose ist erkennbar“ (S. 8).

Sucht man nach Porträtbeispielen der genannten Maler, so muss man sich der Meinung der beiden zitierten Autor*innen anschließen, dass Analogien am ehesten in den Werken der brandenburgischen und preußischen Hofkünstler zu finden sind. Zum Beispiel kann das Porträt des Kurfürsten Johann Sigismund von Brandenburg vom Königsberger Maler Daniel Rose aus dem Jahr 1605 genannt werden, das bis zum Zweiten Weltkrieg im Königsberger Schloss aufbewahrt wurde; heute ist der Aufbewahrungsort aber unbekannt. Zwischen Herzog Wilhelm und dem Kurfürsten gab es eine verwandtschaftliche Verbindung – ihre Ehefrauen waren Schwestern, Töchter des Herzogs Albrecht Friedrich von Preußen. Obwohl das Porträt des Kurfürsten Johann Sigismund nur von einer Schwarz-Weiß-Fotografie bekannt ist, ist selbst auf dieser zu erkennen, dass das fast in Lebensgröße gemalte Modell in ein kunstvoll besticktes Gewand gekleidet ist und exakt dieselbe Pose einnimmt wie Herzog Wilhelm. Auch bei diesem Gemälde ist der obere Rand mit einer Draperie verziert, und eine Aufschrift am rechten Rand verrät den Titel und Namen des Modells sowie das Entstehungsjahr des Porträts. Dem Maler Daniel Rose wird auch das Porträt der Prinzessin Sophie von Preußen, der Gemahlin von Herzog Wilhelm, zugeschrieben, das ein ähnliches Schicksal erlitt.

Es gibt jedoch noch ein weiteres Porträt des Kurfürsten Johann Sigismund von Brandenburg, das dem im Schlossmuseum Rundāle ausgestellten Porträt von Herzog Wilhelm von Kurland sehr ähnlich ist. Dieses Gemälde ist ebenfalls nur von einer Schwarz-Weiß-Abbildung bekannt, die 1907 im dem Haus Hohenzollern – der Herrscherfamilie des vereinten Brandenburg-Preußen – gewidmeten „Hohenzollern-Jahrbuch“ (Berlin/Leipzig, 1907) reproduziert wurde. Damals wurde das Porträt im Berliner Schloss aufbewahrt, doch sein späteres Schicksal ist unbekannt. Die Publikation nennt weder den Schöpfer des Werks noch die Maße des Gemäldes oder andere charakteristische Parameter, aber die Komposition lässt darauf schließen, dass es sich um ein repräsentatives, großformatiges Werk handelte, und die Ähnlichkeit mit dem Porträt Herzog Wilhelms wirft die Frage auf, ob es sich bei dem Autor beider Gemälde nicht um einen und denselben Künstler handeln könnte – der jedoch noch aufzuspüren ist.

Unbekannter Künstler. Porträt des Kurfürsten Johann Sigismund von Brandenburg. Publiziert in: Hohenzollern-Jahrbuch: Forschungen und Abbildungen zur Geschichte der Hohenzollern in Brandenburg-Preußen, Jg. 11. Hrsg. von Paul Seidel. Berlin/Leipzig: Giesecke & Devrient, 1907

Wie zu Beginn bereits erwähnt, werfen die Urheberschaft und die Geschichte des Porträts Herzog Wilhelms von Kurland, das im Schlossmuseum Rundāle in der Ausstellung „Von der Gotik bis zum Jugendstil“ zu sehen ist, eine Reihe von Fragen auf. Diejenigen nach dem Verbleib des Gemäldes in den letzten 100 bis 200 Jahren sind weitgehend geklärt, aber für weitere Nachforschungen bleiben noch viele Fragen offen. Wer ist der Urheber des Porträts? Wo und unter welchen Umständen entstand das Gemälde? Wann und wie gelangte es in die Kirche auf der Insel Ruhnu? Wie genau entsprechen die von Julius Siegmund rekonstruierten Gemäldeteile dem Original? Und viele weitere …

Gotik-, Renaissance- und Manierismus-Raum der dekorativen Kunstausstellung „Von der Gotik bis zum Jugendstil“ des Schlossmuseums Rundāle

 

Verfasserin: Dr. art. Baiba Vanaga

20.05.2024

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